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Steinsuppe | Projektbuch

von Anais Vaugelade
Ab 8 Jahren, Thema: Angst, Märchen, Neugier

Cover: Steinsuppe

In einer kalten Winternacht kommt der alte Wolf zum Dorf der Tiere. Er schleppt einen schweren Sack auf dem Rücken. Am ersten Haus klopft er an die Tür. Die Henne fragt ängstlich nach dem verspäteten Besucher. Sie erschrickt sehr, als sie hört, dass es der Wolf ist. Doch er beruhigt sie. Er sei alt und habe nur noch einen Zahn. Er wolle sich nur aufwärmen und sich eine Steinsuppe kochen.

Zwischen Angst und Neugier schwankend, öffnet die Henne schließlich die Tür. Vor allem die Steinsuppe hat sie neugierig gemacht. Der Wolf verlangt einen Kessel. Zögernd holt sie ihn. Er erklärt ihr, wie Steinsuppe geht und nimmt einen dicken Stein aus dem Sack und legt ihn in das Suppenwasser. Die Henne schlägt vor, doch noch ein wenig Sellerie dazu zu tun, das würde sie gerne mögen.

Da klopft es und das Schwein fragt besorgt nach, was los ist. Es sieht eine traute Situation und bietet an, etwas Zucchini für die Suppe beizusteuern. Immer mehr Tiere kommen: Ente, Pferd, Schaf, Ziege und Hund und alle machen weitere Angebote und jedes holt ein anderes Gemüse. Alles kommt in die Suppe, die bald kocht und fertig ist.

Die Tiere machen es sich gemütlich und essen gemeinsam die Steinsuppe. Die Atmosphäre wird immer zutraulicher. Der Abend zieht sich hin. Plötzlich zieht der Wolf ein spitzes Messer aus dem Sack. Für einen Augenblick stockt jedem der Atem. Doch der Wolf sticht damit in den Stein um festzustellen, dass er noch nicht weich ist. Er packt Stein und Messer in den Sack und verabschiedet sich. Ob er bald wieder kommt? Diese Frage beantwortet er nicht.

Die Geschichte verquickt mehrere Märchenelemente miteinander. Das Motiv von der Steinsuppe ist im Märchen als Ausdruck äußerster Kargheit und Armut zu finden. Die Märchenfigur des Wolfs mit einer festen Zuordnung seiner Wesensart wird benutzt und gleichzeitig variiert. Den Reiz und den Sinn dieser Geschichte begreift man nur, wenn man das literarische Wolfsbild als Folie nimmt. Der Wolf ist schlau, verschlagen, gierig, bösartig und rücksichtslos.

Die große Frage in dieser Geschichte, die auch Kinder von Anfang an in Atem hält ist die, ob dieser Wolf der „Alte“ ist, oder ob er tatsächlich alt und hinfällig ist und damit eine Karikatur seiner selbst. Was er tut ist äußerst schlau. Er hat offensichtlich „Kreide“ gefressen, gibt sich harmlos und bedürftig und rechnet mit der Naivität der anderen Tiere, speziell der Henne (auch dies eine traditionelle Wesensart). Er verwendet ein Motiv aus anderen Märchen, nämlich die Steinsuppe, und treibt damit ein anrührendes Spiel. So arm ist er, dass er Steinsuppe essen muss und selbst dazu braucht er fremde Hilfe. In Wirklichkeit weckt er damit gezielt die Neugier der Henne. Ungebildet wie sie – und auch die anderen Tiere – ist, hat sie keine Ahnung, was Steinsuppe ist und würde es zu gerne wissen.

Man kann vermuten, dass der Wolf den Trick schon öfter angewandt hat. Die karge Wassersuppe behagt der Henne nicht. Sie würde sie gerne etwas aufpäppeln. Und so geht es auch den anderen Tieren, bis zuletzt eine opulente Gemüsesuppe entstanden ist. Dem Wolf scheint es recht zu sein, obwohl wir wissen, dass er als Fleischfresser mit dieser Kost nicht zufrieden sein kann.

Immer wieder wird durch Assoziationen die Skepsis und das Misstrauen der Tiere wach gehalten, bis der Wolf tatsächlich das spitze Messer aus dem Sack zieht. Allen stockt der Atem. Doch er spielt – für dieses Mal – seine Rolle zu Ende. Er sticht nur in den Stein, um zu prüfen, ob er schon gar ist. Die dummen Tier! Dann geht der Wolf und lässt die Frage offen, ob er wieder kommen wird.

Soweit ist eine hervorragende Adaption des literarischen Wolfsbildes gelungen. Märchenadaptionen sind eine reizvolle Sache und sie sind gerade auch für Kinder spannend, anregend und verständlich. Es gibt aber Regeln, die man beachten sollte. An einer Stelle wird unnötigerweise eine solche Regel verletzt. Märchenfiguren leben davon, dass sie zweidimensional sind als Typen, die an eine feste Charakteristik gebunden sind. Sie sind keine lebendigen Wesen. Wären sie das, würden Märchen Angst und Entsetzen bewirken.

Mit dem Hinweis auf seine schreckliche Biographie und der Aufforderung einige schaurige Geschichten aus seiner Jugend zu erzählen, wird der Wolf zu einem geschichtlichen Wesen. Dies ist meiner Meinung nach nicht zulässig. Für die Geschichte als solche hat dies auch keinerlei Funktion.

Die Erzählung wirkt auf Kinder ausgesprochen faszinierend. Das liegt eben an der latenten Bedrohung und der Spannung, die dadurch entsteht. Sie regt an zur Reflektion und fördert die so wichtige Fähigkeit der Kinder, über Gelesenes zu reden.

Zum Buch

Titel: Steinsuppe
Autor: Anais Vaugelade
Illustrator: Anais Vaugelade
Verlag: Beltz und Gelberg, 2000
ISBN: 3407730053

Ein PISAKIDS-Projektbuch


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