von Peter Härtling
Ab 9 Jahren,
Thema: Alleinsein, Hausgemeinschaft, Scheidung
Paul wohnt mit seinem Vater in einem Haus, zusammen mit neun anderen Mietparteien in der Nähe des Mains in Frankfurt. Die Mutter ist meistens nicht da. Sie lebt und arbeitet in New York. Aber auch der Vater ist sehr viel beruflich unterwegs, so dass Paul sehr oft irgendwie alleine über die Runden kommen muss. Er ist selbstständig und zuverlässig; man kann ihm das durchaus zutrauen. Dennoch, in diesem Sommer vor seinem 13. Geburtstag wird die Situation für Paul dramatisch und bedrohlich. Seine Eltern scheinen sich in Luft aufzulösen und sind kaum noch für den Jungen greifbar. Der Vater, ein Werbefachmann, muss unbedingt wieder weg, zuerst für wenige Tage, dann länger und länger und Paul wird höchstens mit ein paar eMails oder Anrufen versorgt. Die Nachrichten von der Mutter sind selten und nichtssagend. Paul fühlt sich allein gelassen und abgeschoben. Zwar hat der Vater für seine äußere Versorgung die alte Oma Käthe in der Nachbarwohnung gewinnen können, bei der Paul schön öfter unter gekommen ist, aber Paul fühlt sich doch sehr abgeschoben bei der alten Frau in einem rosa Mädchenschlafzimmer.
Jeder im Haus kennt Paul. Er ist neben der 14jährigen Helena das einzige Kind. Alle sind freundlich zu ihm und, wie allmählich deutlich wird, alle haben auch ein Auge auf den Jungen, dessen Situation bald von den Mitbewohnern als prekär erkannt wird, besonders nachdem Pauls Vater seinem Sohn eröffnet, dass sich die Eltern trennen wollen. Das schockiert Paul und jetzt hat er wirklich Angst, dass er seine Eltern verliert. Kurz darauf erfährt Paul, dass sein Vater von der letzten Geschäftsreise nicht mehr nach Hause zurück kehren wird, sondern dass er sich direkt in eine psychiatrische Klinik begeben hat, weil er einen Zusammenbruch erlitten hat.
Eine besondere Rolle übernimmt nun der kleine, aber sehr energische Rechtsanwalt Dr. Schwarzhaupt aus dem Erdgeschoss. Mit wohlmeinender, verständnisvoller Verantwortung für den Jungen mischt er sich ein, vermittelt, hilft und berät. Er zeigt Paul, dass er seine Pflichten zu erfüllen hat, andererseits aber beobachtet und versorgt und hilft er Paul, wo die Eltern gerade am meisten vermisst werden. Paul ist nicht allein. Diese ruhige und verständnisvolle Führung durch Dr. Adam tut Paul gut und sehr bald schon hat er ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem alten Mann, dem man anmerkt, dass er mit Scheidungskindern beruflich ein Leben lang zu tun hatte. Er weiß, wie sie sich fühlen, versteht die Wut, Enttäuschung und die Trauer.
In diesem Sommer geht es besonders turbulent zu in dem Haus, das Pauls Haus ist. Oder ist das nur der ganz normale alltägliche Wahnsinn? Von den üblichen Streitereien der Mieter untereinander mit Gebrüll und Ärger, über die Krankenhauseinweisung seiner Versorgungsperson Käthe, einem Hausbrand, Abreisen, Fahrraddiebstählen, schlechten Noten bis zu einem Schlüsselbeinbruch Pauls, bewirken all diese Ereignisse, dass Paul im Haus von einer Wohnung zur nächsten gereicht wird. Überall nehmen ihn die Mieter auf, weil gerade die vorherige Bleibe ausfällt und richten für ihn ein Zimmer her, wo er sich einquartieren kann. Nach diesem Sommer kennt sich Paul im Haus aus. Nahezu alle Mieter haben Paul irgendwann bei sich aufgenommen. Wo aber ist der Junge wirklich zuhause?
Der Vater in der Psychiatrie ist offensichtlich nicht in der Lage für den Jungen zu sorgen. Vorübergehend hat er die Sorge Dr. Adam übertragen. Die Mutter will nicht kommen, weil sie zur Zeit den Vater nicht treffen kann und will. Immer wieder rastet Paul aus und immer wieder wird er von Doktor Adam gehalten. Ein großes Gartenfest zu Pauls 13. Geburtstag ist der Höhepunkt dieses Sommers und auch der Geschichte. Der Vater ist rechtzeitig aus der Klinik entlassen worden. Paul freut sich, dass er dabei sein kann, auch wenn sein Vater nur apathisch am Tisch sitzt. Die gesamte Hausgemeinschaft hat dieses Fest für Paul organisiert. Er bekommt ein riesiges Geschenkpaket, in dem er viele Schlafanzüge findet, einen für jede Wohnung in diesem besonderen und sympathischen Haus als Ausdruck dafür, dass er überall willkommen ist.
Am Ende wird deutlich, dass Paul auch nach der Scheidung seiner Eltern und mit einem Vater, der psychisch angeschlagen ist und vielleicht selbst Hilfe braucht, in seinem Haus bleiben darf. Hier hat er auf allen Etagen Freunde, die bereit sind, für ihn das zu tun, was sie tun können.
Peter Härtlings Bücher leben alle von einer außerordentlichen Fähigkeit des Autors, die Innenwelt seiner Figuren für den Leser lebendig werden zu lassen. Wir leiden mit Paul mit, wir verstehen seine Wutausbrüche und seinen Zorn, sein Anlehnungsbedürfnis und sein Gefühl des Hin- und Hergerissenseins. Die innere Not eines Kindes trotz einer fast übergroßen äußeren Versorgung bewegt mich als erwachsene Leserin sehr. Doch wer wird diese Geschichte lesen? Werden Jugendliche wirklich zu diesem Buch greifen? Viel an dieser besonderen Wohngemeinschaft scheint mir arg unrealistisch zu sein. Wo gibt es ein solches Haus? Und stimmt es, dass das positive Klima eines Hauses so stark geprägt wird von den Alten im Haus, die Zeit haben, die die Augen und Ohren offen halten, die sich einmischen und ein Kind auffangen können? Und falls es das gibt, ist das ein interessantes Modell für jugendliche Leser? In bewusst organisierten Wohngemeinschaften oder Wohnprojekten mag es solche Versuche geben, schön wäre es. Die Normalität sieht aber leider anders aus.
Dass ganze Gemeinschaften die fragile und oft in der Auflösung begriffene Sozialform der Kleinfamilie kompensieren, ist ein guter und schöner Gedanke. Dass dabei die vitalen und oft leistungsfähigen Alten eine zentrale Rolle spielen, ist ebenfalls interessant und an sich durchaus denkbar. Man müsste eben nur in jedem Haus einen so klugen und weitsichtigen Dr. Schwarzkopf haben und eine so aufopfernde und klare Oma Käthe. Nur wo sind diese Leitfiguren, die die integrative Atmosphäre in einem Haus erzeugen, in dem solche „Jugendhilfe“ vor Ort stattfinden kann? Der Weg dahin ist noch weit.
Titel: Paul, das Hauskind
Autor: Peter Härtling
Verlag: Beltz u. Gelberg, 2010
ISBN: 9783407799777
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