von Salah Naoura
Ab 8 Jahren,
Thema: Familienleben, Interkulturalität, Kommunikation, Urlaub
Ein Kind rettet die Welt! Auf einer sehr abstrakten Ebene ist dies der Kernsatz des christlichen Glaubens. Auf eine sehr viel konkretere Weise ist dies ein Motiv in vielen Geschichten der Kinderliteratur. Die Unschuld der Kinder, ihr Absolutheitsanspruch, ihr Gerechtigkeitsempfinden sowie Mut und Tatendrang treiben sie an, Dinge ins Rollen zu bringen. Es muss ja nicht gleich die ganze Welt gerettet werden; es genügt ja schon, wenn es die eigene Familie ist, die ein Kind aus ihrer schier unerträglichen Tristesse reißen kann.
„Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ ist eine Geschichte, in der ein neunjähriger Junge die Struktur seiner Familie grundlegend verändert und damit die Familie rettet. Matti stößt nämlich in seinem Umfeld auf immer mehr Widersprüche und Lügen. Er nennt sie „Fehler des Universums“, denn in der Tat ist die Entdeckung eines Kindes, dass es von Erwachsenen angelogen wird, eine welterschütternde Erkenntnis. Gleich drei Mal hinter einander müssen Matti und Sami diese Erfahrungen machen.
Das erste Mal ist das noch recht harmlos. In der Zeitung wird am 1. April eine Story erzählt, wonach ein Delphin im nahen Ententeich des Parks eingesetzt werden soll. Matti und Sami samt einer ganzen Anzahl anderer Leute wollen bei dem Ereignis dabei sein. Sie stehen sich die Füße in den Bauch bei unwirtlichem Nieselregen bis sie endlich begreifen, dass sie nur zum Narren gehalten wurden. Die Enttäuschung vor allem bei Sami ist groß und schlägt rasch in Wut um.
Die beiden Jungen Matti und sein jüngerer Bruder Sami leben mit ihren Eltern in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater ist gebürtiger Finne, arbeitet als Busfahrer und entwickelt in seiner Freizeit mit viel Hingabe Handyspiele. Nur kann er diese nicht verkaufen, denn niemand interessiert sich dafür. Das ist deprimierend.
Die Mutter ist als Sprechstundenhilfe bei einem Arzt beschäftigt. Sie ist oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit, denn mit ihrem finnischen Mann hat sie es offenbar nicht ganz leicht. Finnische Männer reden kaum. Man muss, wie Matti längst heraus gefunden hat, sich immer vorstellen, was sie sich denken. Das ist für die Bewältigung der realen Alltagsprobleme sicher nicht ganz einfach für die Mutter. Zum Beispiel hat Matti den brennenden Wunsch, einmal nach Finnland zu kommen, um zu sehen, wo sein Vater groß geworden ist. Aber bei der finanziellen Lage der Familie ist daran nicht zu denken.
Als Matti den zweiten Fehler im Universum entdeckt, ist das schon viel gravierender. Offenbar haben ihn die Eltern schon seit langem in dem falschen Glauben gelassen, sie würden für notleidende Tiere spenden. Den beiden Jungen ist das aufgrund einer Fernsehsendung sehr wichtig. In Wirklichkeit war das ein leeres Versprechen.
Diesen Fehler muss Matti nun wirklich korrigieren. Er leert Mamas Sparbüchse und Papas Zigaretten-Notgroschen und bringt beides zusammen mit Sami zur Bank, um endlich den notleidenden Tieren etwas zukommen zu lassen. Zuhause erwartet die beiden ein heftiges Donnerwetter von Mama und Papa, die aber einsehen müssen, dass der Fehler bei ihnen lag.
Das dritte Mal, als Matti einen Fehler im Universum entdeckt, bewirkt dies nicht nur einen Vertrauensbruch, sondern zieht einen Rattenschwanz von Verwicklungen und Katastrophen nach sich und die Familie findet sich tatsächlich am Rande ihrer Existenz. Das hat viel mit der stummen Eigenart des finnischen Vaters zu tun. Auch Alkohol spielt eine Rolle. Aber auch Mattis eigene Lügen verursachen eine verhängnisvolle Verheerung. Offensichtlich ist es keine so gute Idee, Fehler im Universum, also Lügen der Erwachsenen, mit eigen Lügengespinsten korrigieren zu wollen. Das wäre um ein Haar schief gegangen. Dass doch noch alles gut wird, ist wirklich ein Wunder.
Der bikulturelle Hintergrund der Familie ist eine wichtige Ausgangssituation für diese Geschichte. Es wird deutlich, wie schwer oft die Kommunikation ist und wie konfliktreich dies für die Kinder sein kann, die sich zwischen beiden Kulturen in einer Mittlerrolle erleben, die eigentlich zu schwierig für sie ist. Es gelingt dem Autor aber, aus der Perspektive Mattis die Geschichte sehr humorvoll und selbstkritisch zugleich zu erzählen und so wird aus dem rettenden Kind doch noch ein ganz realistischer, warmherziger Junge.
Ich empfehle dieses Buch ganz besonders allen Kinder von acht bis 10 Jahren, die in Familien mit zwei Herkunftskulturen aufwachsen und erleben, dass das nicht immer ganz leicht ist.
Das Buch hat den LUCHS des Jahres 2011 zuerkannt bekommen.
Titel: Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums
Autor: Salah Naoura
Verlag: Beltz und Gelberg, 2011
ISBN: 9783407794383
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