von Frida Nilsson und Ulf K.
Ab 9 Jahren,
Thema: Anderssein, Diskriminierung, Liebe
Von einer unheimlichen Geschichte wird im Kinderheim Rainfarn getuschelt. Sie hat etwas mit Gerd, der mürrischen und hartherzigen Leiterin des Heimes zu tun. Die Kinder trauen ihr alles zu, wenn sie grob und böse ist, herumschreit und Kinder demütigt. Ganz schlimm ist das für die, die sie nicht leiden kann. Sie haben nichts zu lachen. Joanna ist so ein Kind, widerspenstig, äußerlich wenig ansprechend, immer schmutzig, ein Unglückskind. Gerd würde sie gerne loswerden, das sagt sie oft. Aber seit 9 Jahren besteht dazu nicht die geringste Chance.
Und dann kommt eines Tages ein völlig verrostetes Auto angefahren und heraus steigt ein Gorilla. Etwas Abstoßenderes und Hässlicheres hat man noch nicht gesehen. Aber diese Gorillafrau mit ihren total schmutzigen Schuhen, der verlotterten Hose und dem haarigen Oberkörper, sie will ein Kind adoptieren. Die Heimkinder, die zunächst sehnsüchtig dem Volvo entgegensahen, haben Reißaus genommen. Nur Joanna ist wie angewurzelt stehen geblieben; sie weiß selbst nicht warum.
Gorilla will dieses Kind haben und bereitwillig akzeptiert Gerd sofort und innerhalb einer halben Stunde ist Joanna mit Vertrag und Unterschrift von Gorilla adoptiert. In Todesangst steigt Joanna in den Volvo. Ihr Freund Aaron hat ihr zu verstehen gegeben, dass die Gorillafrau sich am liebsten vom Fleisch kleiner Kinder ernährt. Seine Märchenfantasien von der bösen Hexe haben sich im Kopf von Joanna fest gesetzt.
Ein verfallendes Haus in einem heruntergekommenen Industriegebiet mit einem dazu gehörenden Schrottplatz ist Hexenhaus und neue Heimat für Joanna. Drinnen ist es unbeschreiblich unordentlich und schmutzig und doch sorgt Gorilla dafür, dass Joanna einen Schlafplatz hat und auch genügend zu essen. Nach einigen Missverständnissen und Konfrontationen verliert Joanna langsam ihre Angst und beginnt, sich an Gorilla zu gewöhnen. Solange sie da draußen alleine sind, gelingt das ganz gut. Joanna kann sich nützlich machen und gewinnt auch ein wenig Freude am Handeln und Verkaufen. Zu zweit entwickeln sie eine Strategie, wie sie der Kundschaft am meisten Geld aus der Tasche ziehen und dazu muss Gorilla oft einen drastischen Theaterdonner veranstalten, indem sie das Kind vor den Kunden furchtbar ausschimpft und ihm mit schlimmen Strafen droht. Aus Mitleid mit dem Kind zahlen die Kunden dann überhöhte Preise. So können die beiden ganz gut leben.
Zum ersten Mal erlebt Joanna Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit. Zum ersten Mal erlebt sie Zuneigung, Liebe und Wärme. Zum ersten Mal nörgelt niemand an ihr herum und verlangt von ihr Sauberkeit und Ordnung. Joanna fühlt sich immer wohler.
Ganz schrecklich sind aber die Erfahrungen, die Joanna macht, als sie sich mit Gorilla zusammen in der Stadt zeigt. Ob sie im Bekleidungsgeschäft von einer hübschen Mama bemitleidet wird, oder ob sie im Restaurant von den Leuten am Nebentisch gedemütigt werden, oder ob der Bürgermeister der Stadt versucht, Gorilla zu erpressen, jedes mal wird eine schmerzhafte Wunde deutlich. Gorilla ist nicht wie eine andere Mutter. Gorilla ist jemand, für den man sich schämen muss, sie ist von der Gesellschaft verachtet und ausgestoßen. Das kränkt und beleidigt Joanna, stürzt sie in einen tiefen Konflikt, ob sie die gerade sich entwickelnde Beziehung wirklich will, ob sie sich dieser Beziehung ausliefern kann.
Der Bürgermeister hat endlich ein Druckmittel gegen Gorilla in der Hand, um ihr das Grundstück mit dem Schrottplatz abzuluchsen. Schon seit Jahren will er auf dem Gelände ein neues Schwimmbad bauen lassen und braucht dazu nur noch Gorillas Grundstück. Er lässt eine Kommission prüfen, ob man Gorilla ein Kind zur Pflege anvertrauen kann und diese kommt selbstverständlich zu dem Urteil, dass das unzumutbar ist. Gorilla selbst hat sich mit ihren Flunkereien bei ihren Verkaufsverhandlungen in die Nesseln gesetzt. Sie muss also in den Verkauf des Grundstücks einwilligen. Das Kind wird ihr trotzdem weg genommen.
Joanna kommt wieder zurück ins Heim, aber nicht für lange. Es gelingt Gorilla, das Mädchen, das unbedingt bei ihr bleiben möchte, zurück zu bekommen und diesmal muss ihr die Heimleiterin Gerd helfen. Sie hat einst ein schlimmes Verbrechen an dem Kind Gorilla begangen und muss dies nun wieder gut machen.
Die Geschichte ist außerordentlich gut erzählt, spannend, vielschichtig und sehr sensibel. Mit der so stark überzeichneten Figur der Gorillafrau wird die Geschichte einerseits phantastisch und damit leicht komisch, andererseits aber auch umso pointierter. Natürlich gibt es in Wirklichkeit keinen Gorilla, der Kinder adoptiert und einen Schrottplatz betreibt. Aber das versteht auch jeder kindliche Leser, dass hier mit Absicht übertrieben ist, dass es sich hier um eine Figur handelt, die eben all jene Merkmale besitzt, die sie aus der normalen, bürgerlichen, ordentlichen und so sauberen Gesellschaft ausschließt. Und trotzdem gewinnt diese Gorillafrau zunehmend Sympathien, denn sie erkämpft sich mit Zähigkeit, Stärke, Mut und rauer Herzlichkeit ihren Platz und verteidigt, was sie sich aufgebaut hat. „Es ist eben nicht immer alles so, wie es aussieht.“ An Gorilla wurde einst ein großes Unrecht begangen. Sie hat es überlebt und hat ihren Weg gemacht, ganz sicher auch dank ihrer Leitfigur „Oliver Twist“ und ihrer großen Liebe zur Welt der Bücher.
Dieses Buch bietet sehr viele Möglichkeiten zu Gesprächen über das Anderssein von Individuen, über die Erfahrung gesellschaftlicher Normen, der Ablehnung und auch Integration und darüber, dass eben nicht immer alles so ist, wie es an der Oberfläche aussieht. Das Buch ist nominiert für den Jugendliteraturpreis und ich möchte es für Kinder zwischen 9 und 11 Jahren wärmstens empfehlen.
Titel: Ich, Gorilla und der Affenstern
Autor: Frida Nilsson
Illustrator: Ulf K.
Verlag: Gerstenberg, 2010
ISBN: 9783836953221
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