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Ein Schaf fürs Leben | Projektbuch

von Maritgen Matter und Anke Faust
Ab 7 Jahren, Thema: Freundschaft

Cover: Ein Schaf fürs Leben

Von den Ausnahmen, die sogar die Naturgesetze in Frage stellen!


Ein Wolf ist hungrig. Wölfe sind fast immer hungrig, besonders im Winter. Der Wolf macht sich noch in der Nacht auf, um etwas Fressbares zu finden. Er hat Glück. Ein einsamer Hof, ein einsamer Stall, darin ein einzelnes Schaf. Mehr kann man nicht erhoffen.



Der Wolf reißt das Schaf, frisst es auf und hat seine dringendsten Bedürfnisse für eine Weile befriedigt. Wolf muss ja schließlich leben. So ist die Natur, so ist das Leben; daran ist nichts zu ändern.


Doch halt! So wird die Geschichte ja gar nicht erzählt! Sie geht ganz anders, viel komplizierter, viel eleganter und viel philosophischer. Wolf und Schaf, sind sie wirklich füreinander geschaffen? Jedes Kind weiß es, dass Wolf und Schaf natürliche Feinde sind und dass ihrem Zusammentreffen eine extrem gefährliche Spannung eigen ist. Von dieser Spannung lebt die Geschichte. Unglaublich geschickten changiert die Handlung zwischen der hergebrachten Vorstellung und Erwartung, dass der Wolf Schafe frisst und der Möglichkeit, dass es trotz der instinktgeleiteten Kreatürlichkeit eine „menschliche“ Annäherung geben könnte, denn die Identifikationsfigur des kindlichen Lesers verdient einfach kein so schnödes, blutiges Ende. Ständig bleibt die Geschichte in der Schwebe, ständig muss der Leser um das Leben des Schafes bangen. Meisterhaft kann Maritgen Matter die Sprache zweideutig halten. Nicht nur was Wolf und Schaf tun ist spannend, sondern was sie sagen.


Dass überhaupt eine Möglichkeit zum Überleben besteht, liegt an dem etwas ältlichen, distinguierten Wolf. Er hat einen Hang zum Vornehmen, Edlen. Er trägt eine goldene Armbanduhr und kämmt sich mit einem Elfenbeinkamm. Seine Eitelkeit erlaubt es ihm nicht, brutal und hemmungslos die Zähne zu fletschen. Stilvoll will er den Mord am Schaf angehen und vor allem lautlos. Das Schaf dagegen ist wirklich ein Schaf, naiv, dumm, unerfahren, kindlich und vertrauensvoll. Mit so einem Dummchen hat Wolf ein leichtes Spiel.


Als Wolf sich dem Schafstall nähert, vermutet er ein „nettes Restaurant“. Höflich stellt er sich dem Schaf vor, spricht es mit „Sie“ an und nennt seine Bedürfnisse. Es verlange ihn ziemlich dringend nach einem Häppchen. Das naive Schaf nervt ihn, bietet es ihm doch Hafer und Heu und altes Brot zum Fressen an. Lange kann er seine Contenance nicht mehr wahren. Der Wolf rückt näher und das Schaf spürt die Bedrohung. Alle Finger lässt er knacken! Welch schreckliches Geräusch in der Stille. Er schlägt dem Schäfchen eine nächtliche Schlittenfahrt vor und gibt vor, ihm damit eine Freude machen zu wollen, ihm eine „Erfahrung“ vermitteln zu können. Das „dumme Vieh“ muss aus dem Stall gelockt werden. Wölfische Hinterlist und Verschlagenheit haben ihm diesen Plan eingegeben. Das einfältige Schaf glaubt ihm, weiß es doch nicht einmal etwas anzufangen mit dem Wort „Erfahrungen“. Es glaubt doch gar, dies sei eine glanzvolle Stadt, in die sie jetzt fahren würden und in der es vom Wolf reich mit Gold beschenket würde. Nun kann der Wolf seine ganze intellektuelle Eitelkeit auskosten. Auf die kindlichen Fragen des Schafes antwortet er stets in geschliffener Sprache mit anzüglichen Zweideutigkeiten, die für den Leser unverhüllte Drohungen sind. Das Schaf ist beeindruckt von der eleganten Rede: „Du bist ein Dichter!“ stellt es überrascht fest. Das schmeichelt dem alten Haudegen. Neugierig und vertrauensvoll besteigt das Schaf den Schlitten. „Wie schön die Kufen blitzen!“ „Sie sind gerade erst geschliffen worden“. Alles gerät zum Hinweis auf den bevorstehenden kaltblütigen Mord. Schaf genießt die wundervolle Fahrt. Es ist tief bewegt und dankt dem Wolf, dass er es mitnimmt in die herrliche Stadt „Erfahrungen“.


Und hier geschieht es! Etwas geschieht mit dem Wolf. Er empfindet einen Knoten im Magen, ein Gefühl, das er nicht haben dürfte. Er wehrt sich dagegen und singt und dichtet sich in eine trotzige Mordlust. „Dicht’ mich oder ich fress’ dich“, heißt ein Kinderspiel. Schaf und Wolf scheinen es auf dem zu Tal schießenden Schlitten zu spielen. In Wechselrede steuert jeder einen Reim bei:


... Doch was ich am liebsten mag’
...das ist Hafer jeden Tag!
Oder Schaffleisch als Belag!


Und später beim Seilhüpfen singt Schaf: „Teddybär, Teddybär dreh dich um, Teddybär, Teddybär mach dich krumm“, dann erwidert Wolf zum schwingenden Seilchen „Kleines Schaf, kleines Schaf, gleich macht’s bumm!“ Kleines Schaf, kleines Schaf, du bist dumm! Kleines Schaf, kleines Schaf, du kommst um!“


Es kommt aber anders. Wolf bricht in den eiskalten See ein. Ohne eine Sekunde zu überlegen, rettet Schaf den schon erstarrten Wolf, bringt ihn unter Aufwendung aller Kräfte zurück und findet schließlich sein Haus, wo er wieder auftaut. Schaf flößt ihm Glühwein ein und legt sich zu ihm ins Bett, um ihn zu wärmen. Für Schaf könnte die Geschichte hier in wunderbarer Harmonie enden.


Doch Wolf ist Wolf. Seine Kreatur drängt ihn, der Hunger wird übermächtig. In schwülen Träumen schweben ihm die Lammfleischplatten durch den Sinn. Schweißgebadet erwacht er. Im Traum ist es ihm gelungen, seine Gier zu bezwingen. Man frisst nicht, was man kennt! Und nun tut er, was man nicht für möglich gehalten hätte. Er fleht Schaf an, ihn zu verlassen. Es ist die einzige Möglichkeit, Schaf zu retten. Er überzeugt Schaf, dass er krank sei, dass seine Krankheit dem Schaf zum Verderben würde. Er beweist Verantwortungsgefühl, ja Liebe zu dem netten Schaf, das Seilchen springen kann und ihm das Leben gerettet hat. Doch diese Liebe ist nur beweisbar und lebbar in einer vollkommenen und endgültigen Trennung. Auch jetzt glaubt ihm Schaf und macht sich auf den Weg noch bevor er am Morgen erwacht.


Tragisch und doch glücklich endet die Geschichte. Sie lässt den Leser erleichtert von der Angst um Schafs Leben und doch nachdenklich zurück. Die Dissonanz, die bereits im Titel des Buches liegt, die in der Paarung Wolf und Schaf angelegt ist, sie bestimmt auch den Schluss. Das ist anspruchsvoll und befriedigt nicht unbedingt kindliche Bedürfnisse nach Harmonie. Aber es setzt eine Menge Fragen frei und regt an zum Nachdenken. Wie ist das nun eigentlich gemeint: „Ein Schaf fürs Leben“? Wenn Schaf lebt, was ist dann mit Wolf? Und wenn Wolf lebt, wo bleibt dann Schaf? Was ist denn Leben? Ist es das reine Überleben? Oder hat da etwa jemanden leben gelernt?


Es wird Spaß machen, solche Fragen mit Kindern zu diskutieren. Der Text ist überschaubar kurz, die Bilder sind wunderschön und die Geschichte ist toll.

Zum Buch

Titel: Ein Schaf fürs Leben
Autor: Maritgen Matter
Illustrator: Anke Faust
Verlag: Oetinger, 2003
ISBN: 3789142390

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