von Rotraut Susanne Berner
Ab 6 Jahren,
Thema: Außenseiter
Eine meisterhafte Geschichte von Außenseitertum und Angenommensein, die jedes Kind versteht und die Hoffnung macht für alle, die an sich selbst zweifeln.
Der kleine Mann marschiert fröhlich am Gartenzaun mit den blühenden Blumen entlang. Er will in den Zoo. Er hat seinen Fotoapparat um den Hals gehängt; offenbar möchte er gleich ein paar Fotos machen. Er trägt einen Ringelpulli und eine Baskenmütze mit einem lustig wippenden gelb-schwarz gestreiften Pelzschweif. Im Zoo erwarten ihn die Tiere. Sie blicken ihn alle an und scheinen ihn zu kennen. Er wandert vorbei an den Käfigen, begrüßt den Löwen, viele Vögel, den Bären, das Krokodil, die Giraffe und kommt vor die Behausung der Hyäne.
Bis jetzt haben wir nur die Bilder gesehen, aber jetzt wird auch eine Geschichte erzählt. Wir lesen, was der Mann denkt: Er ekelt sich vor der Hyäne, sie stinkt so fürchterlich, aber er hat auch Mitleid mit ihr.
Die Hyäne drängt sich ganz nah an die Gitterstäbe und spricht den kleinen Mann an. Geheimnisvoll tut sie so, als wäre sie eine Prinzessin. Sie sei verzaubert worden und sie könnte erlöst werden, wenn sie jemand zu sich nach Hause einladen würde. Der kleine Mann ist hin und her gerissen, doch schließlich lädt er sie ein für den Nachmittag um vier Uhr.
Zuhause bereitet der kleine Mann alles vor. Er zieht sich hübsche Sachen an, deckt den Tisch, stellt Blumen aus dem Garten in die Vase und tischt seine Vorräte auf. Pünktlich um vier Uhr klingelt es. Die Hyäne erscheint und der kleine Mann geleitet sie an seinem Arm freundlich zum Kaffeetisch.
Vor Gier reißt die Hyäne Augen und Maul auf. Als der Mann sie zum Essen einlädt, grabscht sie hemmungslos nach allem, was auf dem Tisch steht. Sie schmatzt und geifert und rülpst, bis kein Krümel mehr übrig ist.
Dann plötzlich fängt sie an zu weinen und ganz zerknirscht gesteht sie: „Ich habe Sie belogen, ich bin gar keine Prinzessin!“
Der kleine Mann tröstet sie und sagt: „Ich wusste es längst."
In dieser kleinen, meisterhaften Geschichte verbinden sich Text und Illustration zu einem kleinen Kunstwerk. Die Bilder geben der Geschichte einen Ort, ohne den der Text nicht vollständig wäre. So vermag das Bilderbuch ganz eindringlich die innere Handlung anschaulich zu machen. Die Hyäne ist die Ausgestoßene unter den Tieren, deshalb ist sie aber umso bedürftiger nach Zuneigung und Anerkennung. Der kleine Mann ist zwiespältig in seinen Gefühlen, abgestoßen vom Gestank und Unrat, aber doch auch wieder von Mitleid ergriffen, denn er sieht die Not des Tieres. Er überwindet sich und spielt ein betrügerisches Spiel mit, das er von Anfang an durchschaut. Und hierin zeigt sich wahre Größe und echte Zuneigung. Gestank, Hässlichkeit, Verlogenheit und schlechte Manieren verstellen ihm nicht den Blick auf ein Wesen, das dennoch liebenswert ist. Er hat den Ring der Ablehnung durchbrochen, der die Hyäne schon immer umgab.
Kinder wünschen sich solch bedingungsloses Angenommensein von uns Erwachsenen; insbesondere in all den Fällen, wo sie sich als Außenseiter fühlen. So kann dieses Buch Hoffnung und Zuversicht vermitteln.
Titel: Die Prinzessin kommt um vier. Eine Liebesgeschichte
Autor: Rotraut Susanne Berner
Illustrator: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Aufbau-Verlag, 2000
ISBN: 3351040008
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